Wenn die Orgel zum Orchester wird

Von Erich Krieger
Di, 27. August 2019
St. Peter

Nathan Laube aus New York reißt bei seinem Konzert in der Barockkirche St. Peter die Besucher von den Kirchenbänken.

ST. PETER. Beim fünften der diesjährigen Internationalen Orgelkonzerte in der Barockkirche in St. Peter war der Professor für Orgel an der Eastman School of Music, Nathan Laube, aus Rochester (New York) zu Gast. Er ist weltweit gefeierter Interpret in allen namhaften Orgelzentren, Leiter zahlreicher Meisterkurse und erhielt diverse Auszeichnungen, darunter einen Grammy Award für die Aufnahme des "Grand Concerto" von Stephen Paulus.

Bezirkskantor Johannes Götz kündigte ihn als Ausnahmeorganisten an, der in England und Amerika das Orgelrepertoire durch Transkriptionen und Bearbeitungen von Orchester-, Klavier- und Opernwerken für die Orgel bereichert. Und genau so kam es auch: Eine "Suite pour orgue en ré" von Jean Philippe Rameau in Transkription von Yves Rechsteiner war eingangs angekündigt. Die Suite entpuppte als ein Quartett von Melodien aus verschiedenen Opern des französischen Komponisten, eingerichtet für Orgel. Die "Overture" aus Pygmalion hub an mit großer orchestraler Geste, wobei es Laube gelang, die muntere, fast volkstümliche Melodieführung bei aller Opulenz leicht erscheinen zu lassen.

Ganz anders die träumerisch-melancholischen Flötentöne der "Air tendre en trio sur les Flutes" aus der Oper Zoroastre mit dem Titel entsprechender Registrierung. "Tambourins" aus Hippolyte et Aricie geriet unter anderem durch unterlegte Borduntöne spannungsgeladen zur munteren Tanzweise, und unter den Händen des Meisters vermittelte die "Chaconne" aus Les Indes Galantes die Wucht eines mächtigen Opernchores.

Dann, mehr traditionell, die ehrwürdige "Passacaglia" von Johann Sebastian Bach mit ihrem zugrunde liegenden Bassthema, worauf sich diverse Variationen aufbauen. Da Nathan Laube die beiden Orgeln der Barockkirche für alle sichtbar vom mobilen Spieltisch im Chorraum aus bediente, bestach er auch visuell durch eine gelöste Leichtigkeit in seinem Spiel, auch und gerade bei der Fußarbeit auf den Pedalen. Hinzu kam, dass er das gesamte Programm auswendig spielte und somit sein Blick nicht an ein Notenblatt gefesselt war. Für die individuelle Charakterisierung der Variationen setzte er einfühlsam die reichen Registrierungsmöglichkeiten der beiden Orgeln ein, ohne jemals nach billigen Effekten zu haschen.


Der Künstler selbst hatte die Transkription der darauf folgenden ursprünglich für Klavier geschriebenen "Funérailles" von Franz Liszt besorgt. Gewidmet war diese Komposition den Gefallenen des fehlgeschlagenen antifeudalen ungarischen Aufstands gegen die Habsburger. Laubes Interpretation beinhaltete die gesamte Tragik der Ereignisse in der Darstellung eines Begräbnisses. Dumpf und traurig setzte sich der Zug der Trauernden in Bewegung, schwoll an zum auch musikalischen Marsch, der ungeachtet des Trauerschmerzes trotzig das Anliegen der Gefallenen und der noch Lebenden verteidigte. Auf dem Weg zum Grab reflektierte die Orgel knurrend, skeptisch und differenziert viele Fragen, auch die nach dem Sinn des Aufstands. Immer mehr Menschen stießen zum Trauerzug, ihre hundertfachen Schritte waren durch atemberaubende Bassläufe in den Pedalen zu hören. Die tiefe Trauer mutierte zu wütender Entschlossenheit und kulminierte in einer mächtigen musikalischen Anklage gegen die Feudalherren.

War dies schon kaum zu toppen, sollte der Höhepunkt im Finale erst noch kommen. Nathan Laube hob zu seiner Orgelbearbeitung der Ouvertüre zur Oper "Tannhäuser" von Richard Wagner an. Wie in der pompösen Originalfassung steigerte sich Laubes Interpretation von einem demutsvollen Anfang durch immer umfangreichere Registrierungen in den die Oper bestimmenden antagonistischen Widerstreit zwischen religiös verfasster Keuschheit versus leidenschaftliche freie Liebe. Die Orgel wurde zum Sinfonieorchester. Die Besucher hielt es nicht auf ihren Kirchenbänken, sie applaudierten stehend und minutenlang.

Nabil BenbouzaComment